Spiegellose Vollformatkameras – lohnt sich der Umstieg von der Spiegelreflex?

Nikon Z, Canon EOS R und Sony A – spiegellose Vollformatkameras liegen voll im Trend. Nachdem endlich auch die zwei Platzhirsche Nikon und Canon den lange verschlafenen Trend der spiegellosen Vollformatkameras entdeckt haben und die Marketingmaschinerie unter Einbindung der gängigen Influencer wie Jared Polin, Kai Wong, Chris Nichols und nicht zu vergessen Tony und Chelsea Nothrup voll in Gang gekommen ist, stellen sich vielen ambitionierten Amateurfotografen, wie ich mich selbst auch als einen sehe, die Frage – lohnt sich ein Wechsel?

Die gleiche Frage haben wir uns vor vielen Jahren zwischen den Crop- und Vollformatkameras gestellt – siehe dazu auch mein Artikel auf dieser Website „Umstieg auf Vollformat?“.

Der Wechsel zu Spiegellos ist ein Systemwechsel

Der Wechsel von Crop- zu Vollformatkameras war in den meisten Fällen Budgetseitig schmerzhaft aber wenn man bei einem Hersteller geblieben ist – wie bei mir bei Nikon beispielsweise, konnten wenigstens einige der der bisher verwendenten Objektive weiterbenutzt werden, weil das Bajonett gleich war.

Spiegellose Systemkamera von Sony

Bei den spiegellosen haben die Hersteller den Schritt gewagt und komplett neue Systeme eingeführt. Sowohl Nikon als auch Canon haben neue Anschlüsse und Durchmesser, die durch die geringe Distanz zum Sensor lichtstärkere und qualitativ hochwertige Objektive möglich machen und zum anderen das Adaptieren von Objektiven von Fremdherstellern ohne die optischen Eigenschaften verändernde Korrekturlinsen möglich machen.

Aber für uns alle bedeutet das: Investieren in einen Kamerabody, der in der Regel um die 2.000€ kostet sowie Objektive, die mindestens noch mal im höheren dreistelligen Eurobereich liegen – pro Stück – wenn wir alle Vorteile der Systeme nutzen möchten.

Natürlich locken uns die Hersteller mit Adaptern. Aber möchte ich ein kompaktes 50mm f/1.8G mit einem klobigen Adapter an eine Z6 montieren? Um Geld zu sparen und Bildstabilisierung zu bekommen, kann sich das lohnen. Für denjenigen, für den die Größe und das Gewicht der Ausrüstung nicht relevant ist, kann das eine Option sein. Ich reise gern mit kompakterem und leichten Equipment (siehe mein Reiseobjektivtipp „Leichter Reisebegleiter“ oder „Reisefotografie“), da würde ich schon gern die kompakten 1.8er Objektive nutzen.

Was kostet der Umstieg?

Die Rechnung ist hier in meinem Falle: Ich würde meine Nikon Df durch eine Nikon Z6 oder Z7 ersetzen (ich präferiere eine Z6), dazu das 35mm f/1.8 S, das 50mm f/1.8 S und das 85mm f/1.8 S (das noch nicht auf dem Markt ist). Macht zusammen etwa 2.400€ für die Objektive und noch mal den gleichen Preis für den Kamera-Body. Dazu noch eine teure Speicherkarte – schon sind 5.000€ investiert. Wenn ich die Einnahmen für den Verkauf des gebrauchten Equipment abziehe, bin ich immer noch locker bei 3.000€. Ganz schön viel Geld.

Lohnt sich ein Umstieg? Vor- und Nachteile der Spiegellosen

Was bekommen wir denn für unser Geld an Vorteilen

  • Moderne Kamera-Bodies mit Konnektivität und Touchscreens (endlich!) sowie kompakterer Bauweise und geringerem Gewicht
  • 4K Video
  • Sensorstabilsierung (nicht bei Canon EOS R)
  • Moderne Autofokussysteme mit AF-Punkten auf dem gesamten Sucherbereich und Spezialmodi wie Augen-Autofokus
  • Elektronische Sucher, die endlich einen optischen Sucher wirklich ersetzen können
  • Elektronische und Mechanische Verschlüsse mit der Möglichkeit lautlos zu fotografieren und extrem kurze Verschlusszeiten ermöglichen.

Was sind die Nachteile der neuen Systeme:

  • Höherer Stromverbrauch im Vergleich zu DSLR, bedeutet mehr Akkus mitschleppen
  • Noch geringe Objektivauswahl für die neuen Anschlüsse aber die Möglichkeit Adapter zu verwenden. Achtung hier gibt es Einschränkungen. So werden Nikons AF- und AF-D Objektive nicht mit Autofokus unterstützt.

Man sieht, vieles wird besser, ich habe den Preis mal nicht als Nachteil aufgeführt, denn eine moderne DSLR, wie die D850 kostet ähnlich viel.

Mein Fazit

Wer mit den Adaptern kein Problem hat und von Einschränkungen wie fehlendem AF bei alten Objektiven nicht betroffen ist, kann auf die neuen Bodys wechseln und von vielen Vorteilen der Systeme profitieren. Für professionelle Ansprüche sind die Kameras (noch) nicht vollständig geeignet aber es ist bereits abzusehen, dass alle Hersteller hier ein Profigerät auf den Markt bringen werden.

Wer wie ich – wenn dann sowohl Body als auch Objektive tauschen wollen würde – kann auch einen Herstellerwechsel in Erwägung ziehen – beispielsweise zu Sony. Allerdings macht meine Df immer noch gute Fotos und die vielen Systemwechsler drücken die Preise für gebrauchte DSLR-Objektive – das kann kurzfristig auch eine Möglichkeit sein, ein bestehendes DSLR-System sogar noch zu erweitern oder mit besseren Objektiven auszustatten.

Wer jedoch mit der Bildqualität seiner Kameras zufrieden ist, der sollte sich jetzt erstmal nicht verrückt machen lassen. Denn am eigentlichen Fotografieren hat sich ja nichts geändert. Wir sind noch die gleichen Fotografen, nur die Werkzeuge haben sich verändert. Na klar, ich freue mich, dass die Hersteller den Trend zwar spät aber endlich erkannt haben und ihre Produkte an die Bedürfnisse und Nutzergewohnheiten anpassen. Es wird bei den Kameras wohl darauf rauslaufen, dass einfachere Modelle zunehmend durch Smartphones ersetzt werden, die inzwischen ausgesprochen gute Fotos machen. Für professionellere Ansprüche werden auf längere Sicht spiegellose Systeme den Markt beherrschen.

Titelfoto von Math bei Unsplash