Spiegellose Vollformatkameras – lohnt sich der Umstieg von der Spiegelreflex?

Aktualisiert am 20.09.2020

Nikon Z, Canon EOS R und Sony A – spiegellose Vollformatkameras liegen voll im Trend. Nachdem endlich auch die zwei Platzhirsche Nikon und Canon den lange verschlafenen Trend der spiegellosen Vollformatkameras entdeckt haben und die Marketingmaschinerie unter Einbindung der gängigen Influencer wie Jared Polin, Kai Wong, Chris Nichols und nicht zu vergessen Tony und Chelsea Nothrup voll in Gang gekommen ist, stellen sich vielen ambitionierten Amateurfotografen, wie ich mich selbst auch als einen sehe, die Frage – lohnt sich ein Wechsel? Selbst Matt Granger – bekannt als „That Nikon Guy“ hat unlängst seine gesamte Nikon DSLR-Ausrüstung medienwirksam verkauft und schaut sich nach Alternativen um.

Die gleiche Frage haben wir uns vor vielen Jahren zwischen den Crop- und Vollformatkameras gestellt – siehe dazu auch mein Artikel auf dieser Website „Umstieg auf Vollformat?“.

Der Wechsel zu Spiegellos ist ein Systemwechsel

Der Wechsel von Crop- zu Vollformatkameras war in den meisten Fällen budgetseitig schmerzhaft, aber wenn man bei einem Hersteller geblieben ist – wie bei mir bei Nikon beispielsweise, konnten wenigstens einige der der bisher verwendenten Objektive weiterbenutzt werden, weil das Bajonett gleich war.

Spiegellose Systemkamera von Sony

Bei den spiegellosen haben die Hersteller den Schritt gewagt und komplett neue Systeme eingeführt. Sowohl Nikon als auch Canon haben neue Anschlüsse und Durchmesser, die durch die geringe Distanz zum Sensor lichtstärkere und qualitativ hochwertige Objektive möglich machen und zum anderen das Adaptieren von Objektiven von Fremdherstellern ohne die optischen Eigenschaften verändernde Korrekturlinsen möglich machen.

Aber für uns alle bedeutet das: Investieren in einen Kamerabody, der in der Regel um die 2.000€ kostet sowie Objektive, die mindestens noch mal im höheren dreistelligen Eurobereich liegen – pro Stück – wenn wir alle Vorteile der Systeme nutzen möchten. Ende 2020 sind noch mal günstigere Einsteigermodelle, wie die Nikon Z5 in den Markt gekommen und auch die Cropsensor-Modelle wie Z50 sollen Lust auf den Systemwechsel machen.

Natürlich locken uns die Hersteller mit Adaptern. Aber möchte ich ein kompaktes 50mm f/1.8G mit einem klobigen Adapter an eine Z6 montieren? Um Geld zu sparen und Bildstabilisierung zu bekommen, kann sich das lohnen. Für denjenigen, für den die Größe und das Gewicht der Ausrüstung nicht relevant ist, kann das eine Option sein. Ich reise gern mit kompakterem und leichten Equipment (siehe mein Reiseobjektivtipp „Leichter Reisebegleiter“ oder „Reisefotografie“), da würde ich schon gern die kompakten 1.8er Objektive nutzen.

Was kostet der Umstieg?

Die Rechnung ist hier in meinem Falle: Ich würde meine Nikon Df durch eine Nikon Z6 oder Z7 ersetzen (ich präferiere eine Z6), dazu das 35mm f/1.8 S, das 50mm f/1.8 S und das 85mm f/1.8 S. Macht zusammen etwa 2.400€ für die Objektive und noch mal den gleichen Preis für den Kamera-Body. Dazu noch eine teure Speicherkarte – schon sind 5.000€ investiert. Wenn ich die Einnahmen für den Verkauf des gebrauchten Equipment abziehe, bin ich immer noch locker bei 3.000€. Ganz schön viel Geld.

Lohnt sich ein Umstieg? Vor- und Nachteile der Spiegellosen

Was bekommen wir denn für unser Geld an Vorteilen

  • Moderne Kamera-Bodies mit Konnektivität und Touchscreens (endlich!) sowie kompakterer Bauweise und geringerem Gewicht
  • 4K Video
  • Sensorstabilsierung (nicht bei Canon EOS R aber R5 und R6)
  • Moderne Autofokussysteme mit AF-Punkten auf dem gesamten Sucherbereich und Spezialmodi wie Augen-Autofokus. Für wen das das wichtigste ist, lohnt ein Vergleich. Sony ist hier Welten vor Canon und Nikon.
  • Elektronische Sucher, die endlich einen optischen Sucher wirklich ersetzen können
  • Elektronische und Mechanische Verschlüsse mit der Möglichkeit lautlos zu fotografieren und extrem kurze Verschlusszeiten ermöglichen.

Was sind die Nachteile der neuen Systeme:

  • Höherer Stromverbrauch im Vergleich zu DSLR, bedeutet mehr Akkus mitschleppen. Es wird aber langsam besser.
  • Noch kleinere Objektivauswahl für die neuen Anschlüsse aber die Möglichkeit Adapter zu verwenden. Achtung hier gibt es Einschränkungen. So werden Nikons AF- und AF-D Objektive nicht mit Autofokus unterstützt.
  • Mehr Elektronik – weniger Mechanik. Wenn Robustheit und 100%ige Funktionsfähigkeit im Fokus ist, sind die Flagschiffe wie Nikon D6 oder Canon EOS 1D X Mark III immer noch eine Referenz.
  • Kein Optischer Sucher und weniger mechanische Rückmeldung. Das ist kein technischer Nachteil – aber wer Jahrzehntelang das Gefühl und die Geräusche von Spiegelreflex gewohnt ist, muss sich umstellen.

Man sieht, vieles wird besser, ich habe den Preis mal nicht als Nachteil aufgeführt, denn eine moderne DSLR, wie die D850 kostet ähnlich viel.

Mein Fazit – ewig lockt das Spiegellose

Wer mit den Adaptern kein Problem hat und von Einschränkungen wie fehlendem AF bei alten Objektiven nicht betroffen ist, kann auf die neuen Bodys wechseln und von vielen Vorteilen der Systeme profitieren. Für professionelle Ansprüche sind die Kameras (noch) nicht vollständig geeignet aber es ist bereits abzusehen, dass alle Hersteller hier ein Profigerät auf den Markt bringen werden.

Ewig lockt das Spiegelllose. Wer wie ich sowohl Body als auch Objektive tauschen wollen würde, kann auch einen Herstellerwechsel in Erwägung ziehen – beispielsweise zu Sony. Ich bin jedoch mit meiner Nikon Df sehr glücklich. Die Kombination mit kleinen, hochwertigen Objektiven – wie dem Zeiss 1.4/50 – ist einfach traumhaft und ein Genuss. Und noch ein Punkt ist interessant: die vielen Systemwechsler drücken die Preise für gebrauchte DSLR-Objektive. Ein Blick in die gängigen Gebrauchtportale lohnt sich. Das kann kurzfristig auch eine Möglichkeit sein, ein bestehendes DSLR-System sogar noch zu erweitern oder mit besseren Objektiven auszustatten.

Für die Spiegellosen wird kräftig die Werbetrommel gerührt, denn die Hersteller müssen ihre Investitionen wieder einspielen und die Corona-Krise hat den Markt nicht einfacher gemacht. Wer jedoch mit der Bildqualität seiner Kameras zufrieden ist, der sollte sich jetzt erstmal nicht verrückt machen lassen. Denn am eigentlichen Fotografieren hat sich ja nichts geändert. Wir sind noch die gleichen Fotografen, nur die Werkzeuge haben sich verändert und sind besser geworden. Wer mal eine Z6 oder Z7 mit einem der neuen Objektive testen konnte, sieht welchen großartigen technischen Fortschritt wir hier erreicht haben. Schärfe und Kontrast erreichen nie geahnte Perfektion – so dass man danach mit Filtern in der Nachbearbeitung wieder einen Look wie bei alten Kameras und Objektiven herstellen wird – das ist schon etwas paradox.

Na klar, ich freue mich, dass die Hersteller den Trend zwar spät aber endlich erkannt haben und ihre Produkte an die Bedürfnisse und Nutzergewohnheiten anpassen. Es wird bei den Kameras wohl darauf rauslaufen, dass einfachere Modelle zunehmend durch Smartphones ersetzt werden, die inzwischen ausgesprochen gute Fotos machen. Für professionellere Ansprüche werden auf längere Sicht spiegellose Systeme den Markt beherrschen.

Wenn es Nikon gelingt seine Software weiter zu verbessern, kann ich mir langfristig einen Umstieg auf eine Spiegellose vorstellen.

Titelfoto von Math bei Unsplash