Eine frühlingshafte Brise weht mir durch die Haare. Sie schiebt einen Himmel voller grauer und weißer Wolkenfetzen vor der noch kraftlosen Sonne vorbei landeinwärts. Kleine Wellen ohne Schaumkrone, kein spürbarer Seegang. Noch fünf Minuten bis zum Anleger „Centraal Station“. Ein kurzer Blick auf den Bildzähler. Noch ein Foto übrig. Vorbeifahrende Schiffe, moderne Architektur. Immer wieder geht mein Blick durch den Sucher. Könnte interessant sein, aber eigentlich doch nicht. Die Kamera geht immer wieder nach unten. Der Kapitän eines Frachtschiffes sitzt auf dem Dach seiner Brücke. Klick. Weiterspulen. Film zu Ende. Ich greife in die Tasche nach einer weiteren Rolle. Vielleicht noch zwei Minuten bis zum Anleger. Keine Eile. Ich wechsle den Film, wenn ich angekommen bin.
Warum überhaupt analog?
Ich fotografiere seit über 20 Jahren digital. Reisefotografie ist eines meiner bevorzugten Themen für diesen Blog. Meistens reise ich mit einer Kamera und maximal 2 Objektiven. Für Trips wie diesen nach Amsterdam nehme ich normalerweise eine kleine Kamera, wie die Nikon Zfc und eine, höchstens zwei Festbrennweiten mit. Klein und kompakt, ideal für Stadt und Straße.
Vor ein paar Jahren entdeckte ich das analoge Fotografieren wieder und die Ästhetik und der Prozess haben mich sofort wieder gepackt. Wie es dazu kam und wie meine ersten (Wieder-) Erfahrungen mit Filmfotografie waren, habe ich ausführlich im Artikel Von Analog zu Digital Fotografie. Eine Reise Hin und Zurück. beschrieben.
Ich hatte bislang nie den Mut einen kompletten Urlaub nur auf Film zu fotografieren. Warum eigentlich? Ich bin im Urlaub, nicht beruflich unterwegs. Ich hab keine Redaktion im Nacken, die auf das Material wartet. Was kann denn schon schiefgehen?
Eine Menge, wenn man sich es genau überlegt. Die Gedankenspirale startet schnell: Die Kamera ist mechanisch und fast so alt wie ich. Na ja, es ist eine Nikon, da hat mich in 20 Jahren niemals eine im Stich gelassen. Aber was ist mit dem Film? Nicht richtig eingelegt, vielleicht reißt er zwischendurch, vielleicht öffne ich die Kamera versehentlich. Und wenn ich die Filme voll habe, muss ich sie noch entwickeln. Beim Einspulen hat man immer so ein mulmiges Gefühl. Und dann entwickeln, stoppen, fixieren, trocknen, die Negative schneiden. Man kann es noch bis zum Schluss versauen.
Beim Fotografieren mit Film kommt ein Gedanke immer mal wieder auf: Der Gedanke, etwas wichtiges nicht fotografieren zu können. Die Angst, etwas zu verpassen. Wie haben meine Eltern und Großeltern das bloß gemacht? War nicht so viel los, wie heute oder gabs einfach FOMO nicht? Mit meiner analogen Kamera mit manuellem Fotos bin ich etwas langsamer. Manuell fokussieren bin ich auch von Digital gewöhnt, aber Belichtungszeit und ISO passen dann doch manchmal nicht zur gewünschten Blende. Ein 400er Film ist kein 1600er Film. Man kann nicht einfach mal eben die Empfindlichkeit erhöhen. Wenns nicht, geht, gibts kein Foto, so einfach ist das. Der Moment ist weg. Verloren. Und? Das Leben geht trotzdem weiter.


Wer noch nicht ganz im Rabbithole gefangen ist, kommt auch noch damit: Wie teuer ist das eigentlich? Einfach mal so auf den Auslöser drücken. Immer und immer wieder. Soll mit Digitalkameras ja durchaus vorkommen. Das kostet bei analoger Fotografie. Immer. Ich habe ungefähr 13 Euro pro Film bezahlt, also knapp 36ct pro Foto. Dazu kommt noch die Entwicklung, für die ich für die Nutzung des Labors und der Chemikalien noch mal 4,50 Euro pro Film ausgegeben habe, also noch mal knapp 13ct. Über den Daumen kostet so ein schönes analoges negativ im Kleinbild auf diesem Trip also 50ct. Mit jedem Druck auf den Auslöser. Bei meinem Ausflug ins Mittelformat hätte ich darüber nur müde gelächelt. Egal, es geht nicht ums Geld. Aber fragt gern mal eure Mitreisenden, ob sie bereit wären, für die Urlaubsbilder noch mal 50 Euro auszugeben, man erntet schnell ungläubige Blicke und bekommt Telefone vors Gesicht gehalten, für deren Kaufpreis man eine tolle analoge Kamera und seeehr viel Film kaufen könnte.
Aber dann ist da natürlich auch ein Prozess, den man genießen kann, ja muss. Mechanische Schalter, Verschluss, Filmtransport, das Klicken des Blendenrings. Der Prozess ist Teil des Erlebnis, er verlängert den Urlaub bis nach Hause.
Das alles weiß man natürlich, wenn man schon länger analog fotografiert. Analoge Fotografie ist nicht „besser“ oder „schlechter“. Es ist schlicht und ergreifend ein anderer Prozess. Darauf muss man sich einlassen. Mit voller Aufmerksamkeit.
Bevor ich mich auf einen 2 oder 3 Wöchigen Urlaub auf das Abenteuer Film einlasse, habe ich entschieden ein Experiment zu machen. Ein 4-tägiger Ausflug nach Amsterdam. Wenn das gut klappt, könnte ich mir auch mal einen längeren Urlaub nur mit Film vorstellen.
Nur eine kleine Fotoausrüstung mitnehmen

Wie immer bei der Reisefotografie gilt auch hier, weniger ist mehr. Die Begrenzung der Möglichkeiten bringt, meiner Erfahrung nach, schon nach kurzer Zeit deutlich mehr Kreativität zum Vorschein. Je weniger Faktoren man beeinflussen kann, desto mehr, macht man aus dem, was bleibt.
Mein Setup für diese Reise war sehr einfach. Meine Kamera: die Nikon FM2, eine analoge Spiegelreflexkamera. Ein absoluter Klassiker – klein und unauffällig. Als Objektiv stand fest, dass das Zeiss Planar 50mm 1.4 mitsollte. Aber in Städten brauche ich manchmal auch etwas Weitwinkel. Aus Ermangelung eines 35mm nahm ich noch ein Nikon AF Nikkor 24mm f/2.8 mit, das fühlt sich auch mit manuellem Fokus ganz gut an. Beide Objektive sind klein genug für die Fototasche oder sogar die Jacken- oder Hosentasche.
Die Wahl des Films war für mich auch sehr einfach: Mein bevorzugter Film für Street Photography ist der Ilford HP5 Plus 400. Der gibt mir genug Flexibilität, egal ob hell oder dunkel und hat ein charakteristisches Korn und hohen Kontrast.
Damit habe ich nur 3 Entscheidungen, die ich bei jedem Foto treffen muss: Brennweite, Blende und Verschlusszeit. Weniger Optionen erzeugen mehr Konzentration aufs Wesentliche.
Für effektiv zweieinhalb nutzbare Tage habe ich drei Rollen Film dabei gehabt. Ideal um fokussiert zu bleiben. Maximal 2 Filme an einem Tag, eher weniger. Sagen wir knapp 50 Fotos pro Tag. Die meisten Menschen fotografieren an einem Tag mehr nur mit ihrem Handy, selbst wenn sie eine Kamera dabei haben.
50 Aufnahmen pro Tag verändern Entscheidungen
Wie schon im vorletzten Kapitel bemerkt – Analoge Fotografie ist ein Prozess. Der ist langsam und erfordert Konzentration. Bei jedem Foto trifft man Entscheidungen. Entscheidungen, die man bei digitaler Fotografie vernachlässigt, oder einzeln trifft, weil die Anzahl der Versuche kaum zusätzlichen Aufwand verursacht und man sofort das Ergebnis seiner Entscheidung sieht.
Bei Filmfotografie ist alles anders. Ob die Entscheidung für die Belichtungszeit oder die Blende richtig war, sehe ich erst später, meistens Tage oder Wochen später. Der Moment ist dann vorbei. Also fängt man an bewusster zu sehen. Zu sehen, bevor man das Foto macht. Man versucht verschiedene Perspektiven, man lernt das Licht zu lesen und sich vorzustellen, wie das fertige Foto aussehen würde. Man lernt exakt diesen Moment zu spüren, vielleicht sogar noch zu warten. Auf das richtige Licht, auf die Person, die durchs Bild laufen soll, auf den richtigen Blick. Angespanntes Warten. Vorfreude. Und dann der Augenblick, wo man auf den Auslöser drückt. Klick. Man hört nicht nur, man spürt den Verschluss. Der Zug am Filmtransporthebel, Federn werden gespannt, die Kamera ist bereit fürs nächste Foto. Und dann ist der Augenblick auch vorbei. Wie eine Kerze, die ausgeblasen ist. Kein Blick aufs Display der Kamera – denn das ist nicht vorhanden. Man kann loslassen, braucht sich keine Gedanken machen, welche Einstellung besser gewesen wäre. Man wird es in diesem Augenblick nicht erfahren. Das macht die Lernkurve etwas flacher.




Jedes Foto sind mindestens diese drei bewussten Entscheidungen. Muss man eine mit „geht nicht“ beantworten, weil nicht genug Licht da ist, weil man nur diesen einen Versuch hat, hat man vielleicht kein Foto. Und genau das ist befreiend. Mit Film kann man Szenen einfacher auch mal vorbeiziehen lassen. Vielleicht auch, weil man den letzten Film gerade voll gemacht hat.
Wenn ich maximal 50 mal pro Tag ein Foto machen kann, bewerte ich jedes potentielle Foto, ob es das wirklich wert ist. Das Ergebnis ist überraschend!


Die überraschende Erkenntnis: Fast alle Bilder sind gut!
Nach dem Entwickeln habe ich 106 Negative gezählt. Offenbar habe ich beim Einlegen zwei mal zu viel ausgelöst. Von den 106 Negativen sind alle etwas geworden. Auf allen ist das zu sehen, was zu sehen sein sollte. Vielleicht technisch nicht immer perfekt. Knapp 100 würde ich auch als „gut genug zum Aufheben“ bezeichnen. Unfassbar. Wenn ich digital fotografiert hätte, wären nach den 4 Tagen Amsterdam schätzungsweise 500 Bilder auf der Speicherkarte gewesen. Nach Bearbeitung und Aussortieren wären ungefähr 100 übrig geblieben, die ich wirklich behalten hätte. Vielleicht 150 – also etwa genauso viele. Das bringt einen doch zum Nachdenken.


Die Bilder wären sicher nicht dieselben gewesen, selbst wenn ich auch digital nur in Schwarzweiß fotografiert hätte. Von meinen analogen Bildern sind nicht alle perfekt scharf. Aber alle sind „atmosphärisch“, haben irgendwas eingefangen, dass digitale Fotos viel seltener haben. Sie sind keine „Sicherheitsaufnahmen“, 4 oder 5 Aufnahmen vom selben Motiv, einfach nur um die perfekte Aufnahme, Belichtung oder Schärfe zu haben.
Was ich davon in die digitale Fotografie mitnehmen möchte
Natürlich fotografiere ich auch weiterhin digital. Ich mag meine Kameras, ich mag die kreativen Möglichkeiten und die flexiblen Bearbeitungsmöglichkeiten. Aber ein paar Dinge nehme ich (wieder) mit ins Digitale. Vieles davon weiß jeder Fotograf instiktiv und macht es trotzdem immer wieder „falsch“.
Weniger Serienaufnahmen, ein Bild reicht meistens. Der „Schärfefetisch“ der letzten Jahre hat vielen Objektiven und damit den Aufnahmen den Charakter genommen. Was für eine technisch perfekte Dokumentation wichtig sein mag, raubt in der Street- oder Portraitfotografie den Platz für Fantasie, für Atmosphäre.
Der Blick aufs Display nach jedem Foto, ggf. löschen und noch einmal anfangen, das muss auch nicht immer sein. Bei meiner Nikon Zfc kann ich das Display zuklappen, das hat mir schon manchmal geholfen.
Insgesamt geht es darum, dort wo es möglich ist, langsamer und bewusster zu arbeiten. Vor dem Auslösen noch mal nachzudenken. Denn nur weil man gefühlt unendlich Fotos machen kann, muss man es nicht.
Mein Fazit: Es geht gar nicht um analog oder digital
Zurück zum Anfang. Es hätte keine Rolle gespielt, ob ich eine digitale oder eine analoge Kamera dabei gehabt hätte. Das Foto hätte dasselbe sein können. Ein bisschen länger nachgedacht. Den Moment wahrgenommen. Dann ausgelöst.







Was hindert uns eigentlich daran, auch mit einer digitalen Kamera nur mit 100 Fotos von einer viertägigen Städtereise zurückzukommen?
Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis dieser Reise. Dass bessere Fotos nicht unbedingt durch bessere Technik entstehen. Sondern durch Aufmerksamkeit. Durch Zeit. Durch den bewussten Umgang mit dem Moment vor dem Auslösen.
Die analoge Fotografie zwingt uns dazu. Beim digitalen Fotografieren muss man sich selbst dazu entscheiden.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sich diese 106 Bilder heute vollständiger anfühlen als viele tausend digitale Aufnahmen davor.


















